Liebe Leser:innen,
es ist 2026 und viele von uns haben sich an generierten Bildern satt gesehen. Auch dieses Jahr wieder habe ich eine Vielzahl an Trendanalysen studiert und fand die Bestätigung, dass es sich nicht nur um mein persönliches Empfinden handelt: Die Menschen sind müde von schnell zusammengezimmerten KI-Inhalten (sogenanntem AI Slop). Dabei geht es sowohl um Text, als auch um Bild.
Viele von uns können inzwischen generierte Texte mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Wenn man die berüchtigten Gedankenstriche und Dreieraufzählungen am Ende jedes Absatzes einmal gesehen hat, kann man niemals wieder darüber hinweg sehen.
Bei generierten Bildern ist es ähnlich. Die Hautstrukturen wirken auch nach einigen Jahren kontinuierlicher Verbesserung immer noch oft als habe man 100% Rauschreduktion rübergebügelt. Alle äußerlichen Merkmale der KI-Protagonist:innen sind wunderschön. So schön, dass es auch leblose Schaufensterpuppen sein könnten.
Menschen sind übersättigt davon! Ohne Zweifel ist ein Marktsegment entstanden, in dem AI Slop Bestand haben wird...ganz einfach weil es dort ausreicht. Professionelle Fotograf:innen und anspruchsvolle Kund:innen, wozu ich alle, die meinen Artikel lesen werden, zählen möchte, werden sich oberhalb davon positionieren (müssen), um ihre Existenz zu rechtfertigen bzw. ihre Zielgruppe weiterhin zufriedenzustellen. Was heißt in diesem Zusammenhang "oberhalb"?
Meine Analyse zeigt, dass im Jahr 2026 nicht Perfektion, sondern vielmehr Menschlichkeit als Qualität wahrgenommen werden wird. Eine Forderung, die im Bereich Fotografie erst Sinn ergibt, seit KI-Generierung massentauglich geworden ist, ist die Forderung nach proof of humanity. Mittlerweile suchen die Menschen händeringend nach den kleinsten Merkmalen, und wenn es Makel auch sind, die die Abgebildeten als echte Menschen zu erkennen geben. (vgl. hier "In 2026 wird sich Perfektion antiquiert anfühlen.")
Menschlichkeit äußert sich in herzlichem Lachen, in Bewegung, die auch mal zu leichten Unschärfen führt, in Schatten und Verletzlichkeit oder in verrutschten Haarsträhnen. Noch vor wenigen Jahren wurden Fotos oft solange retuschiert, bis jeder Makel getilgt war. Diese Fotos sind in Trainingsdaten eingeflossen, was einer der Gründe ist, warum generierte Bilder einfach zu perfekt aussehen.
Die veränderte Rolle echter Fotografie hört jedoch nicht mit der Betrachtung auf, wie Menschen und Situationen fotografiert werden. Auch beim Was ergeben sich Änderungen, wo es strategisch sinnvoll ist echte Fotograf:innen in die Spur zu schicken. Grob gesagt: Je lokaler, regionaler oder spezifischer der Anlass und je hochwertiger das Business-Segment, desto eher lohnen sich echte Fotos, weil Kund:innen es schätzen. Menschen erkennen anhand des Baustils der Gebäude im Hintergrund, anhand von typischem Licht und Wetter, oder anhand von Gesichtsausdrücken, ob sich die Mühe gemacht wurde, Fotos speziell für ihr (lokales) Marktsegment zu erstellen und würdigen diese Atempause von der belanglosen Informationsflut effizient generierten Contents.
Auch die Hinwendung jüngerer Zielgruppen zu sogenannten community events, vgl. z.B. den LAP-Coffee-Hype oder das Aufploppen neuer Offline-Club-Formate, ist Ausdruck des Verlangens nach unmittelbaren Erfahrungen mit echten Menschen. Die Fotografie von Events, die tatsächlich stattgefunden haben und per Definition nicht künstlich sein können, gewinnt in diesem Zusammenhang sogar an Bedeutung.
Der Trend, den ich als Zurück zur Menschlichkeit bezeichen würde, wird sich in 2026 auf viele andere Weisen äußern:
TikTok ermutigt verstärkt zu Longform-Content bis zu 60 Minuten, eine Atempause für Gen Z, die übersättigt mit Kurzvideos ist und sich tiefere Verbindung zu Themen wünscht. Stichworte Content Fatigue und Distanzierung von Brainrot. Es lohnt sich also wieder, mehr Mühe in umfassend aufbereitete Videos zu stecken. Spannungsbögen und echte Wissensvermittlung lassen sich so besser umsetzen.
In Corporate Foto Briefings, die ich im Laufe des letzten Jahres erhielt, wurde zunehmend darauf hingewiesen, dass die Mitarbeiter:innen, die als Models eingesetzt werden sollten, "Everyday-Look" und "keine gemachten Locken" oder ähnlich haben sollten. Auch der Fakt, dass eigenen Mitarbeitenden oft der Vorzug vor People Models gegeben wird, dient nicht nur Kosteneinsparung, sondern vor allem auch dem Authentizitätsgewinn.
Die Phase des Flat-Designs kommt zum Ende. Diese Designsprache, die über die letzte Dekade die Gestaltung von Firmenlogos und User-Interfaces bestimmt hat und von vielen zunehmend als der Verlust von haptischer/sensorischer Qualität betrauert wurde, wurde nun unter anderem von Apples Liquid Glass durchbrochen (transparente Bedienelemente mit Lichtbrechung). Das ist auch für die Fotografie relevant. Die Integration von Transparenz, zum Beispiel durch das Fotografieren durch Glasblöcke oder Prismen sorgt für Mehrdeutigkeit und ein sensorisches Erlebnis, das Bildkonsument:innen als Signal für Echtheit verstanden wird. Auch der Hang zu organischerer Typografie (vgl. das Logo des gehypten Photoshop-Konkurrenten Affinity) und psychedelischen Farbverläufen schlägt in dieselbe Kerbe.
Abschließend kann ich sagen, dass ich sehr optimistisch in das Jahr 2026 blicke, in dem sich der Markt für kommerzielle Bilder zunehmend aufspalten wird: In einen low-budget Bereich für den KI-Generierung gut genug ist und in einen hochwertigen Bereich, der nach Fotograf:innen verlangt, die mit künstlerischem Grundverständnis und ihren persönlichen Perspektiven den immer lauter werdenden Ruf nach proof of humanity erfüllen können. Das sind doch blendende Aussichten für alle, denen, egal ob auf Seiten der Kreation oder der Verwertung, hochwertiges Bildmaterial am Herzen liegt.
Ich wünsche einen erfolgreichen Start in das neue Jahr!
Herzliche Grüße,
Ihr Philipp Eigner
Ihr Philipp Eigner
PS: Mein Versprechen - Kein einziges Wort dieses Artikel wurde mit KI generiert ;)
Philipp Eigner, Unternehmensfotograf
13.01.2026
Telefon: +49 176 97832742